Eckehard
W. Rechlin betritt zum ersten Mal seit mehr als dreißig
Jahren die "Fremde Welt" eines Krankenhauses als Patient. Eine Auszeit
zum Nachdenken über Medizin, Gesundheit und Heilung anhand
konkreter Erfahrungen im Klinikalltag, wo sich die Möglichkeiten,
aber auch die Grenzen der Schulmedizin verdichtet darstellen.
(...)
Achterbahn der Gefühle. Die
Chance, entmündigt zu werden oder sich entmündigt zu
verhalten, ist in dieser Struktur real. Ärzte und Pflegepersonal
verfügen über den Zugang zu den erhobenen Daten, verfasst in
einer Sprache, die nur sie verstehen. Sie übersetzen eine selbst
gewählte Informations-Teilmenge aus ihrer eigenen Sprache in die
des Patienten und ordnen an, was zu tun ist. Das Menschenbild ist
klassisch-naturwissenschaftlich geprägt und beschränkt sich
auf
funktionelle Zusammenhänge. Zuviel Laiensprache kann den Experten
irritieren. Ohnehin verlässt er sich lieber auf Zahlen und Daten,
die er direkt aus der defekten "Maschine" erhebt.
Die Werkstatt-Atmosphäre lädt zu Vertrauen in die
Kompetenz der Experten ein: fast alles scheint erreichbar, wenn man es
nur technisch richtig angeht. Man muss - als Besitzer des Körpers
- auch gar nicht wissen, wie die Maschine im einzelnen funktioniert und
was der Experte damit tut. Er weiß ja so viel mehr als der Laie!
Ich erlebe, wie ein Teil von mir wilde Hoffnungen entwickelt: dass die
Behandler meinen Körper, der immer so viel bewusste Aufmerksamkeit
eingefordert hat, vieleicht generalüberholen und so wieder
herstellen können, dass ich ihn am Ende runderneuert
zurückerhalte!
Ungläubig werde ich gefragt, ob ich
keine Medikamente nehme. Doch, sage ich, homöopathische Mittel und
Bach-Blüten. Die Interviewerin macht einen Strich aufs Formular,
und ich fühle mich frei, meine gewohnte energetische Medizin
parallel zu den hiesigen Behandlungen weiter anzuwenden. (...)
Der Klinikaufenthalt ist begleitet von einer Achterbahnfahrt
intensiver Gefühle. Zeitweise entsteht Hoffnung und Entspannung
durch vertrauensvolles Sich-Überlassen. An vielen Stellen brechen
aber auch Stress, Angst und Resignation auf. Von einem Moment zum
anderen können eine Information, ein Hinweis oder eine
Ankündigung die Tönung der Situation total verändern.
Verwundert stelle ich fest, wie ich ein Teil dieser Welt zu werden
beginne und eine Art zu denken übernehme, die mir eigentlich sehr
fremd ist. Wieder bewahrheitet sich der alte Yoga-Spruch: "Die Umgebung
ist stärker als der Wille".
Ich bin dankbar dafür, über das
Telefon ganz mühelos Menschen in meine Umgebung bringen zu
können, die mich stärken. Und dafür, dass meine Frau es
möglich macht, mich hier fast täglich zu besuchen.
(...)
Heilung
und Vertrauen. Die Klinik verfügt über eine kleine
Kapelle, die tagsüber geöffnet ist. Ich gehe oft dorthin, um
zu meditieren und mich wieder zu erden. Die Kapelle scheint mir ein Ort
der Heilung zu sein, ich spüre, wie das einfache Dort-Sein mich in
einen Zustand des Friedens und der Harmonie versetzt. Diese Kraftquelle
erweist sich für mich als lebenswichtig, um den Kontakt zu meiner
Körperintelligenz zu bewahren. Dankbar spüre ich, wieviel
Verständnis und Vertrauen ich in den letzten dreißig Jahren
gewinnen durfte. Hier, in der Kapelle, wird mir ganz deutlich, dass
"Leben" etwas ganz anderes ist als das Funktionieren einer
körperlichen Maschine. Tief in mir spüre ich, dass "Heilung"
von innen her geschieht, wenn alle Blockierungen beseitigt sind, die
die Lebensenergie am freien Fließen hindern.
(...)
Ausblick.
Menschen sind fühlende Wesen, besonders wenn
sie krank sind, und die Mitarbeiter im Ärzte- und Pflegeteam sind
es auch, besonders wenn sie sich bis zum Äußersten darum
bemühen, ihre Arbeit gut zu machen. Ich habe etwas gespürt
von dem unmenschlichen Druck aus der Struktur, dem das Behandler- und
Pflegeteam dort - ebenso wie in vielen anderen Häusern -
ständig unterworfen ist. Sie arbeiten unter steigendem Kosten- und
Leistungsdruck mit der Aussicht auf steigenden Kosten- und
Leistungsdruck. Druck, der entsteht, wenn in einen Beruf, der aus Liebe
und Idealismus ergriffen wird, von Fachfremden wirtschaftliche
Zwänge installiert werden, die in ihrem Ausmaß schon jetzt
menschenverachtend sind. Auch für Laien ist leicht zu erkennen,
wie eine besinnungslose Rationalisierung zu Verschwendung von
menschlichen, aber auch von materiellen und finanziellen Ressourcen
führt. Aus heutiger Sicht ist keine Aussicht auf Besserung
erkennbar: unser "Gesundheitssystem" ist nicht gesund und macht nicht
gesund. Davon ist früher oder später jeder betroffen.
Wir alle können uns dafür
einsetzen, dass wir in der Medizin zur Menschlichkeit als oberster
Priorität zurückfinden: zur Wertschätzung gegenüber
allen Beteiligten, den Mitarbeitern ebenso wie den Patienten.
Aufrichtige menschliche Wertschätzung stärkt den
Leistungswillen der Mitarbeiter und den Lebenswillen der Patienten und
ist als Heilungsfaktor kaum zu überschätzen. Wo sie fehlt,
wird oft trotz kostspieliger Chemie und Technologie die Heilung
verzögert oder völlig blockiert.
Meine Vision ist: dass Sie und ich
gemeinsam mit den Heilkundigen, die Tag für Tag erfolgreich
für Menschen und mit Menschen arbeiten, unseren Teil zum Aufbau
einer lebendigen Struktur beitragen, die Menschen in Heilungs- und
Wachstumsprozessen zuverlässig Halt gibt.
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heilen" ...