Die Irrfahrt - Ortsbestimmung - Reise in
ferne Welten - Ausblick
Die Irrfahrt
"Ich muss ja dankbar sein", dieses
zynisch-bittere Zitat aus Max Frischs "Andorra" kam mir früher
öfter in den Sinn. Worüber beklagte ich mich überhaupt?
War ich nicht in einem großbürgerlichen Elternhaus
aufgewachsen, mit Büchern, Reisen, guter Schul- und
Universitätsausbildung, liberalten Eltern und einem intakten
Familienverband?
Doch, ja, und trotzdem fühlte sich
mein Leben oft wie eine einzige anstrengende und vollkommen sinnlose
Aufgabe an.
Als Kind galt ich als still und in der
Schule als kontaktscheu und ängstlich. Als Jugendlicher war ich
bildungsbeflissen, sportlich und zusmmen mit einem guten Freund immer
auf Entdeckertour. Gleichzeitig war ich für mein Alter
übertrieben vernunftbetont und zurückhaltend.
Während des Studiums brach ich
psychisch zusammen. Die Diagnose lautete: Depression. Vielleicht
wäre alles anders verlaufen, wäre schon früher jemand
auf diese Idee gekommen. Aber die Zeiten waren einfach anders, und
woher hätten meine Eltern oder Lehrer auch solche Kenntnisse haben
sollen?
Ich glaube, dass ich diese Jahre nur
überlebt habe, weil ich mich notgedrungen auf den Pfad des Lernens
begeben hatte. Ich studierte Methoden und übte Praktiken, die mir
geeignet erschienen, mir das Leben verständlich zu machen und
meine Effektivität zu erhöhen. Letzteres war besonders
wichtig, denn ich verfügte kaum über freie Energie,
während ich trotz meiner Behinderung die Stationen eines
bürgerlichen Lebens schaffte: Abitur, Studium, Ehe, beruflicher
Aufstieg, Hausbau.
Da ich emotionalen Auseinandersetzungen
nicht recht gewachsen war, hatte ich es mir über viele Jahre
hinweg angewöhnt, Konflikte zu leugnen und sie anschließend
zu verdrängen. Natürlich ist dies ein Weg, der nirgendwohin
führt. Für eine Glück spendende Beziehung ist dieses
Verhalten reines Gift. Die japanische Kampfkunst und Philosophie Aikido
lehrte mich, Konflikte anzunehmen und sie mal mehr, mal weniger, in
Harmonie zu verwandeln. Zunächst geschah dies im Training als rein
körperliche Übung. Zunehmend gelang es mir, diese
Fähigkeit auch im menschlichen Miteinander einzusetzen. Heute,
mehr als zwanzig Jahre später, darf ich sagen, dass ich mich nie
mehr ärgere, wohl aber wahrnehme, wann eine Situation für
mich nicht stimmig ist. Ich kann mich jetzt in aller Seelenruhe
entscheiden, ob ich die Situation ändern möchte, oder ob ich
sie weiter "ertrage", weil sie keinen Aufwand lohnt.
Die Großmann-Methode,
die ich ab 1978 erlernte, hat sehr viel dazu beigetragen, dass ich
meine Lebenssituation besser verstand und durch vernünftige
Zielplanung in kleinen und größeren Schritten verbessern
konnte. Insbesondere konnte ich meine Schreibtischarbeit recht gut
rationalisieren. So gewann ich die dringend benötigte Zeit, um
mich auszuruhen.
Doch mit Anfang fünfzig drohte alles
endgültig zusammen zu brechen: Die Stimme versagte, die Gelenke
schmerzten, infolge eines Armbruchs drohte das Handgelenk zu
versteifen, und die Depression erhielt einen letzten Schub
...
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