Ereignisse vorhersehen - Dem inneren
Kompass folgen - Im Alltag Verantwortung übernehmen - Und noch
eine Runde
Ereignisse
vorhersehen
Ich habe gerade meine Freundinnen Tina
und Sarah zum Zug gebracht. Nach unserer Verabschiedung erfasst mich
eine unbestimmte Traurigkeit. Auf dem Weg nach Hause schlendere ich
durch die Innenstadt, dann durch knöchelhohes buntes Herbstlaub am
Ufer entlang, lausche dem herabfallenden Wasser am Wehr und lasse
meinen Tränen freien Lauf. Durch unseren Abschied ist mein
Lebensmotor angesprungen und stellt mir wie schon so oft die Frage: Wer
bin ich? Was ist meine Aufgabe? Wo soll mich dieses Leben
hinführen?
Als Kind habe ich in einem sich
ungefähr fünf Jahre wiederholenden Traum davon geträumt,
dass unser Haus abbrennen würde. Als ich zehn Jahre alt war,
brannte unser Haus ab.
Mit Anfang zwanzig wurde ich eines Nachts
aufgrund meiner eigenen Hilferufe wach: "Mama, Mama!" Angstvoll schaue
ich mich im Raum um. Es ist nichts im Außen. Ich habe
geträumt, dass jemand gestorben ist. Ich schlafe wieder ein und
vergesse diesen Traum - nicht.
Ein paar Tage später, 600 Kilometer
vom Traumort entfernt, fahre ich in der Nacht von einem Fest nach Hause
und komme als erste an eine Unfallstelle. Auf der unbeleuchteten
kurvigen Landstraße steht ein Mercedes, in der Gegend liegen
mehrere Motorradteile herum und zwei junge Männer. Ein Mann liegt
unter dem Mercedes, ein anderer ein paar hundert Meter weiter oben auf
der Straße. Ich gehe hin und begegne meiner eigenen
Hilflosigkeit: ich kann den Mann unter dem Auto nicht hervorziehen. Ich
kann nicht helfen. Niemand sonst ist zu sehen, niemand ist da. Ich
beginne die Straße abzuriegeln. Es kommen Menschen. Niemand kann
helfen. Die Männer sind tot. Erschrocken bin ich nicht. Ich kannte
die Situation aus dem Traum.
Als ich Ende Dreißig war, ist meine
Oma mütterlicherseits ein paar Jahre vor ihrem Tod zu der Familie
ihrer Tochter gezogen. Sie war inzwischen über 80 Jahre alt und
wurde zunehmend schwächer. Manchmal rief meine Mutter mich an und
sagte: "Sie ist im Krankenhaus. Es sieht schlecht aus, wahrscheinlich
stirbt sie jetzt." Diese Anrufe mehrten sich, und jedes Jahr, jedes Mal
verspürte ich den starken Wunsch, dass ich so gerne dabei sein
möchte, wenn Oma diese Welt verlässt. Ich habe mir ein Bild
von ihr ans Bett gestellt und fortan ungefähr ein Jahr lang jeden
Abend mit Oma gesprochen und sie darum gebeten, sie möge mir bitte
Bescheid sagen, wenn es so weit ist.
Es ist kurz nach Weihnachten. Eine
Freundin ruft an und sagt: "Gut, dass du da bist. Wir wollen dich
für einen Tag besuchen kommen und übermorgen wieder fahren."
Ich freue mich, und wir verleben einen schönen Tag miteinander. Am
nächsten Morgen sage ich: "Ich fahre mit euch mit." Fünf
Stunden später stehe ich vor meiner erstaunten Mutter und sage:
"Ich bin hier, um Oma zu verabschieden. Sie stirbt heute Nacht."
Schließlich sitzen wir noch am
selben Abend mit drei Generationen am Sterbebett meiner
Großmutter und begleiten sie in ihrem Todeskampf. Wir
akzeptieren, dass sie nicht mehr essen will und alles von sich weist.
Wir halten ihre Hand, wischen mit einem kühlen Tuch über ihr
Gesicht, sprechen leise und liebevoll in ihrer Gegenwart und lassen
gemeinsam erlebte Situationen Revue passieren, die uns verbinden. In
einem stillen Augenblick, den meine Mutter und Großmutter allein
am Todesbett verbringen, bat meine Mutter Gott, ihre Mutter nun zu
erlösen. Kurze Zeit später konnte Oma einschlafen, und meine
Mutter sah einen Schatten durch das Fenster zum Licht gehen.
Unzählige kleine und
größere Erlebnisse dieser Art verleihen mir die innere
Gewissheit, dass es eine Kraft in unserem Leben gibt, die uns
führt und die uns etwas mitteilen will. Dieser Gewissheit folge
ich. Außerdem sehne ich mich nach einem konstanten Kontakt zu
dieser Kaft. Ich fühle, ich finde nur Frieden im Kontakt und im
Einklang mit dieser Kraft.
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